Bühnenkünste in Groningen

Das Jahr 2008 war für die Stadt Groningen ein ganz besonderes Jahr. Es gab etwas zu feiern. Das Stadttheater hatte Geburtstag. Über 125 Jahre ist es her, dass die Groninger Stadsschouwburg am 8. Oktober 1883 eröffnet wurde.

Das ist Anlass für mich, ein bisschen tiefer in die Geschichte der Groninger Stadsschouwburg und anderer kultureller Einrichtungen in Groningen-Stadt einzutauchen. Detaillierte und umfangreiche Informationen hierzu bietet mir das eigens zu diesem Jubiläum erschienene Buch La Grande Dame - Eeuwenlange podiumkunsten en 125 jaar Groninger Stadsschouwburg von Beno Hofman.



Vor mir liegt dieser reich bebilderte, 119 Seiten starke Jubiläumsband, der mich wie ein roter Faden durch einen Teil der kulturellen Geschichte Groningens geleiten und begleiten wird.

Der Autor des Buches geht im ersten Kapitel darauf ein, welche Rolle die Bühnenkünste und musikalische Darbietungen im Mittelalter in Groningen spielten und welche Ausdrucksformen sie bis zur Reformation fanden. Die Darstellenden Künste zu jener Zeit hatten ihr Forum auf dem einmal jährlich stattfinden Freimarkt und auf Jahrmärkten.

Ein Komödiant und ein Minnesänger, ein Gaukler, ein Akrobat und allerlei andere Arten von “Künstlern”. Von nah und fern kamen sie im Mittelalter während der Freimärkte und Jahrmärkte nach Groningen. Das Hochverehrte Publikum bestaunt ihre Künste. Jahrhunderte lang bildeten die Freimärkte den Höhepunkt der Theater- und Musiksaison. In Groningen ist das nicht anders als in anderen Städten der Niederlande (1).


Doch es folgte eine Zeit, in der die Calvinisten über den Kirchenrat zunehmenden Einfluss auf das öffentliche Leben nahmen und öffentliche Darbietungen zunächst stark beschränkt wurden.

“Denn nachdem Maurits und Willem Lodewijk die Stadt 1594 erobert hatten, wehte ein anderer Wind. Durch die ‘Reduktion’ wurde Groningen offiziell reformiert und die Calvinisten betrachteten Theater und Musik anders als die Katholiken. Nach der Calvinistischen Interpretation der Bibel war jegliches Vergnügen Teufelswerk und das Böse schlechthin.” (2)

Erst Mitte des 18. Jahrhunderts ging der Einfluss der Calvinisten auf das öffentliche Leben zurück, die Darstellenden Künste konnten sich wieder frei entwickeln.

Viele Initiativen führten ab 1750 dazu, dass das kulturelle Leben in Groningen wieder eine breite Zustimmung bei der Groninger Bevölkerung fand.


Ein wichtiger Förderer des Musiklebens in Groningen ist von ca. 1750 an der aus der Grafschaft Nassau-Dillenburg stammende Johann Philip Riedel. Im Jahr 1752 wird er zum Musiklehrer an der städtischen Lateinschule ernannt. Ab 1764 organisiert Riedel in seinem Haus (Poelestraat 34) Konzerte mit beispielsweise italienischen Stars wie Francesco Guarini und Rossignolo die Malta. Zur gleichen Zeit wird eine Gruppe Groninger auf dem Gebiet des Schauspiels unter dem Namen “Pro excolenda eloquentia” aktiv (3) . […] Doch als “Pro excolenda eloquentia” es im Februar 1769 wagte, eine Komödie aufzuführen, war für den Kirchenrat das Maß voll. Die Schauspieler wurden vom Abendmahl ausgeschlossen. Doch auch für den Rat der Stadt war das Fass nun übergelaufen. Es wurde eine Beratungskommission eingerichtet. Im April 1769 empfahl die Kommission dem Rat der Stadt die Aufhebung des Unterschiedes zwischen Schauspiel und anderer Veranstaltungen wie Konzerte. Wenn die guten Sitten nicht verletzt würden, sollte Schauspiel fortan genauso akzeptiert sein wie Musik (4).


Solche gesellschaftlichen Auseinandersetzungen waren die Vorboten für das beispielsweise später entstehende “Concerthuis”, das bis in die zweite Hälfte des Neunzehnten Jahrhunderts die bedeutendste Musikbühne Groningens sein sollte.


Aber erst ab 1850 wurde wieder so richtig losgelegt mit dem Theaterspiel und den Konzerten. In der Nieuwe Kijk in’t Jatstraat entstanden die (alte) Schouwburg und ein großzügiger Billard- und Konzertsaal. Auch wurde das sogenannte ”Hooge Zomerhuis” gebaut, das dem noch bestehenden “Concerthuis” in den Folgejahren mit Konzerten kräftig Konkurrenz machen sollte. Die “Societeit de Harmonie” übernimmt den Komplex (Billard- und Konzertsaal/Hooge Zomerhuis) vom Gründer Christoffel van Elmt. Doch schon 1856 wurden beide Gebäude von der Stadt gekauft und einem anderen Verwendungszweck zugeführt. Die “Societeit de Harmonie” hielt Ausschau nach einem anderen neuen Gelände und wurde am Uurwerkersgang fündig. Dort baute die Societeit einen Konzertsaal, der nach den Plänen von J. Maris entworfen wurde. Zwei Jahre später gründete die “Societeit” eine Musikschule, die wichtige Impulse für das Musikleben der Stadt lieferte. Zwanzig Jahre später baute die “Societeit” dann nach einem Entwurf der Amsterdamer Architekten TH. G. Schill und D.H. Haverkamp noch einmal einen neuen Konzertsaal mit Musikpavillion im Stil der Neorenaissance.


Dieser Konzertsaal der “Societeit” wird noch bis Anfang der 70er Jahre des Zwanzigsten Jahrhunderts bestehen bleiben und in diesem Zeitraum der bedeutendste Konzertsaal Groningens sein. “De Harmonie” schloss offiziell am 1. Juli 1971 ihre Türen und wurde zwei Jahre später ein Opfer des Abrissbaggers.


Die (alte) Schouwburg genügte Ende des Achtzehnten Jahrhundert nicht mehr den Anforderungen des Spielbetriebes.


“Im Groninger Volksalmanach von 1920 beschreibt W.J. Roelfsema die Schouwburg an der Nieuwe Kijk in’t Jatstraat: Im Parterre standen harte Bänke, keine Klappstühle, so dass jeder Sitzplatz nur durch eine Nummer angedeutet wurde. Dadurch kam es regelmäßig zu Gezänk und Gedränge. Ein wenig höher um das Parterre herum, lag die Loge, zweireihig mit ganz normalen Küchenstühlen bestuhlt. Links neben der Bühne war, hinter Gardinen verborgen, die Loge des Eigentümers platziert. Die Galerie über den Logenplätzen war auch wieder mit zwei Reihen Bänken ausgestattet. Auf der hintersten Bank konnte man kaum hören und nur sehen, wenn man auf der Bank stand. Das war auch die Regel. (5)


Diese Bedingungen führten dazu, dass sich acht Groninger Notabeln 1876 mit einem Brief an den damaligen Kriegsminister wandten. Sie baten den Minister darum, das Gelände, auf dem das Munitionsdepot (Arsenal) der ehemaligen Festungsstadt Groningen stand, für den Bau eines neuen Theaters nutzen zu dürfen. Doch es sollte noch fünf Jahre dauern, bis die (neue) Groninger Schouwburg ihre Türen öffnete. Die (alte) Schouwburg blieb bis 1885 als Volkstheater in Betrieb.


Am 8. Oktober 1883 wurde die Schouwburg dann feierlich eröffnet. Erst Anfang 1916 wurde die Schouwburg dann städtisch, in dem die Stadt das Theater erwarb. Seitdem heißt das Theater Groninger Stadsschouwburg (Groninger Stadttheater).


In 125 Jahren gab es viele Höhepunkte im Spielbetrieb.



©Foto: Sander de Jong / Foto: GNU-Lizenz für freie Dokumentation

Auch für die legendäre französische Schauspielerin Sarah Bernhardt steht 1897 eine Kutsche mit vier Pferden vor dem Bahnhof für ein Geleit bereit. Ein Versuch, sie acht Jahre zuvor nach Groningen zu holen, scheiterte aus finanziellen Erwägungen. Doch 1897 konnte der rote Läufer ausgerollt werden. Trotz der hohen Eintrittspreise war die Schouwburg bis auf den letzten Platz ausverkauft. La Dame aux Camélias von Alexandre Dumas wurde sehr begeistert aufgenommen, und Bernhardt wurde am Ende des Stückes mit Blumen überhäuft. Die Französin sollte nicht die einzige Schauspielerin bleiben, die in Groningen auf Händen getragen wurde.” (6)


Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde eine Kommission für Wiederaufbau eingesetzt. Nachdem in der Stadt Stimmen für den Bau eines neuen Kulturzentrums laut wurden, dass für alle Bürger zugänglich sein sollte, wurde dieses Ziel weiter verfolgt. Die Planung für dieses Kulturzentrum hatte auch Auswirkungen auf andere kulturelle Einrichtungen, wie “De Harmonie” und die “Groninger Stadsschouwburg”. Das neue Kulturzentrum sollte, wenn möglich, diese beiden Institutionen ersetzen.


“Durch die ‘Harmoniefrage’ und das umfangreiche Mitspracherecht dauerte es bis zum 16. Oktober 1967, als ein Entwurf von Marius Frans Duitjer und Jan Kramer durch den Stadtrat angenommen wurde. Aber erst im Frühjahr 1971 kommt der Bau des ‘De Oosterpoort’ so richtig in Gang. Als das Kulturzentrum zwei Jahre später fertig ist, merkt der inzwischen zum Beigeordneten ernannte Jacques Wallage diplomatisch an, dass das Kulturzentrum ein ursprünglich ungeliebtes Kind zu sein scheint, dass man aber doch gut finden muss, wenn es fertig ist. […] (7)


Das De Oosterpoort wurde mit einem großen Konzertsaal und einem kleinen Theatersaal ausgestattet, in dem auch Konzerte stattfinden sollten. Das wiederum hatte Auswirkungen auf die Groninger Stadsschouwburg. Im De Oosterpoort sollte nämlich ursprünglich auch ein großer Theatersaal gebaut werden, auf den man dann aber aus Kostengründen verzichtet hatte.


1975 entschlossen sich die Verantwortlichen des Kulturzentrum De Oosterpoort und der Groninger Stadsschouwburg, ihre Institutionen gemeinsam zu verwalten. Doch zu dieser Verwaltungskooperation kam es vorerst nicht. Ein beunruhigender Bericht über den Zustand der Stadsschouwburg wurde von der Stadtverwaltung zum Anlass genommen, die Stadsschouwburg am 22. Oktober 1976 vorübergehend zu schließen. Die Gegebenheiten erforderten umfangreiche Umbaumaßnahmen. Selbst ein Abriss wurde in Erwägung gezogen. Eine kontrovers geführte öffentliche Diskussion führte letzten Endes zum Erhalt des historischen Gebäudes. Man wollte nicht wie zuvor bei “De Harmonie”  ein historisches schützenswertes Gebäude zerstören.  Am 6. März 1978 beschloss der Stadtrat dann endgültig einen umfangreichen Umbau der Groninger Stadsschouwburg und verzichtete auf einen Abriss.


“Ein höheres und größere Theaterhaus, eine vergrößerte Bühnenöffnung, ein größerer und teilweise in der Höhe verstellbarer Orchesterboden, Künstlergarderoben und Stimmzimmer, ein Bühnenausstattungsraum und Platz zum Be- und Entladen. Außerdem eine größere Halle und Foyer und eine zentrale Garderobe.  […] (8)


Ende April 1984 wurde die Groninger Stadsschouwburg nach umfangreichen Umbaumaßnahmen mit dem “Groninger Manifest” von Urban Sax (F), einem Musiktheaterspektakel, wiedereröffnet. Am 16. Mai 1984 wurde die (neue) Groninger Stadsschouwburg dann auch durch Königin Beatrix feierlich eingeweiht


Bis heute zählen die Stadsschouwburg Groningen und das Kulturzentrum De Oosterpoort zu den wichtigsten Bühnen in den Niederlanden mit einer qualitativ hochwertigen Programmgestaltung. Das Jubiläumsprogramm der Stadsschouwburg beispielsweise zählte nicht weniger als sechs niederländische Premieren internationaler Spitzenproduktionen. Zwei von diesen Premieren stammen  mit My dearist…My fairest in der Stadsschouwburg Groningen und mit Gezeiten im De Oosterpoort von der Choreographin Sascha Waltz.


In den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts sollte aber noch ein weiteres neues Theater in Groningen entstehen, welches nach seiner Gründung einen nicht unwesentlichen Beitrag zur Groninger Theaterlandschaft beisteuerte.


“Das durch G. Saville im Stil des Art Déco entworfene Grand Theatre wurde im April 1930 als Kino eröffnet. Im Mai 1980 wurde das Gebäude, das schon zweieinhalb Jahre leer stand, von einer Bürgerinitiative ‘Raum für Kultur’ besetzt. Es sollte als Spiel- und Probenraum genutzt werden. Nach fünf Jahren wurde das Grand Theatre als Theater-Produktionshaus anerkannt und wurde vom Reich finanziell gefördert. Das Gebäude wurde unter Denkmalschutz gestellt und 1995 wurde es tief greifend umgebaut und erweitert. ‘Das in der Zwischenzeit berühmte Künstler aus aller Welt das Grand Theatre als einen Ort schätzen, an dem sie ‘groß’ geworden sind, erfüllt uns schon mit einem Gefühl von angemessenem Stolz’, schreibt der künstlerische Leiter (des Theaters) Jan Stelma zum 25jährigem Jubiläum.” (9)


Für ganz große Theaterproduktionen entstand in Groningen 2002 zudem mit dem Martiniplaza Theater eines der größten Theatersäle in den Niederlanden. Es hat eine Kapazität von 1600 Sitzplätzen.


Zusammenfassend kann festgestestellt werden, das Groningen mit seinem Stadttheater (, dem Kulturzentrum “De Oosterpoort”, dem Grand Theatre, dem Martiniplaza Theater  und als Ausrichter großer Festivalevents für die Zukunft auf dem Gebiet der Darstellenden Künste bestens gerüstet ist.


Ziel dieses Artikels ist es, einen ersten Einblick in und eine erste Orientierung zur Theaterlandschaft Groningens gestern und heute zu bieten. 


Die im Text verwendeten Originalzitate wurden von mir aus dem Niederländischen ins Deutsche übersetzt. Sie stammen alle aus dem oben erwähnten Buch von Hofman, BenoLa Grande Dame - Eeuwenlange podiumkunsten en 125 jaar Groninger Stadsschouwburg. Assen: In Boekvorm Uitgevers, 2008. Groningen van alletijden; 11


(1)  S. 8; (2)  S. 12; (3) S. 20;  (4) S. 21; (5) S. 38; (6) S.76; (7) S. 60; (8) S. 66; (9) S. 84;



©Foto: Sander de Jong / Foto: GNU-Lizenz für freie Dokumentation

Über den Autor des Buches: Beno Hofman ist Stadthistoriker für Groningen. Er präsentiert ein Fernsehprogramm mit dem Titel Beno’s Stad. Außerdem publiziert er regelmäßig historische Bücher und Zeitungsartikel. Ferner wird seit 2000 eine Radiokolumne von ihm auf Radio Noord gesendet, in der er jeden Donnerstagmorgen eine historische Geschichte erzählt. In Groningen hängen um die 85 Texttafeln, die Beno Hofman verfasst hat. Sie sind an oder in der Nähe von historischen Gebäuden angebracht. Beno Hofman erzählt auf diesen Informationstafeln etwas über die Herkunft und Geschichte des jeweiligen historischen Gebäudes. (Quelle Text über den Autor: Wikipedia.nl) 


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