Derlon Theater und Theatergesellschaft "Het Vervolg"


Foto: Ek van Roosendaal/Derlon Theater

1987 kaufte die Stadt Maastricht ein 23 Hektar großes Betriebsgelände vom Unternehmen Steingutfabriken Koninklijke Sphinx. Das Areal liegt direkt am Maasufer vis à vis dem historischen Stadtzentrum.

Nach einem Ratsbeschluss wurden unter der Leitung von Stadtplaner und Architekt Dr. Jo Coenen international renommierte Architekten wie beispielsweise Mario Botta, Aurelio Galfetti, Martorell Bohigas Mackay, Cruz & Ortiz, Luigi Snozzi und Aldo Rossi damit beauftragt, einen neuen Stadtteil auf dem ehemaligen Betriebsgelände zu entwickeln und zu realisieren. Der Stadtteil sollte zukünftig den Namen Céramique tragen.

Aus einem ehemaligen Industriegebiet wurde so im Laufe der neunziger Jahre ein völlig neues Stadtviertel mit Wohnungen, Büros, Gastronomie, Einzelhandel, Hotels, Kultureinrichtungen und Parkplätzen.  Der Name des Stadtviertels erinnert an die Steingutfabrik Societe Céramique, die dort im Jahre 1850 gegründet und 1958 von den Steingutfabriken Koninklijke Sphinx übernommen wurde. 

Drei Gebäude der ehemaligen Céramique/Sphinx wurden erhalten, restauriert und umgebaut. Dabei handelt es sich um eine Biskuithalle (heute das Derlon Theater), die Wiebengahalle (heute das Neue Architekturmuseum des NAi-Nederlands Architektuurinstituut) und die Villa Jaunez (ehemalige Direktionswohnungen der Sphinx).

In der so genannten Biskuithalle, dem heutigen Derlon Theater, wurde früher Biskuitporzellan gebrannt. Hierfür standen in der Mitte des Gebäudes drei Biskuitöfen zur Verfügung. Über unterirdische Kanäle waren sie mit einem außerhalb des Gebäudes aufgestellten Schornstein verbunden. In der Halle  wurden auch Teller verziert und Glasur mit Hilfe von Muffelöfen eingebrannt. Ab 1951 wurde das Gebäude für die vollautomatisierte Produktion von Tellern genutzt. Das Gebäude wurde auch "bordenhal" (Tellerhalle) genannt.

Derlon Theater

Dr. Jo Coenen entwarf als Architekt die Pläne für das 1999 fertig gestellte neue Derlon Theater und für das angrenzende Zentrum Céramique, in dem heute die Stadtbibliothek, das Gemeindearchiv, die Stadthalle und das Europäische Journalistenzentrum untergebracht sind. Eigentümer des Derlon Theaters ist die Stadt Maastricht. Als Hauptsponsor für das neue Theater konnte das Derlon Hotel Maastricht gewonnen werden. 

 


Das  Derlon Theater zählt zu den Industriedenkmälern in den Niederlanden. Das Gebäude hat eine basilikale Grundform und ein erhöhtes Mittelschiff, das besonders viel Licht einlässt. Es verfügt über eine besondere Dachkonstruktion mit nach dem Polonceau Konstruktionsprinzip verwendeten Stahlträgern.  Diese Dachkonstruktion entlastet das Mauerwerk.

Der Kopfgiebel hat zwei große Rundbogenfenster und in der Spitze eine Fensterrose, die dem Bauwerk eine geweihte Atmosphäre verleiht. Die Glaskuppel des Gebäudes wurde erhalten, musste aber von innen gegen das Licht abgedunkelt werden, weil die Theatervorstellungen nur in völliger Dunkelheit stattfinden können.

Von außen ist die typische gläserne Dachkonstruktion weiterhin sichtbar. Die erhalten gebliebenen Rundbogenfenster, die Fensterrose und die großen Fenster an den Längsseiten des Gebäudes  können für die Vorstellungen ebenfalls verdunkelt werden, während tagsüber auch bei Tageslicht geprobt werden kann.

Der ursprüngliche Baustil wurde also nicht verändert. Beim Bau des Theaters mussten aber trotzdem tief greifende Veränderungen vorgenommen werden. Um ein Theater perfekt ausleuchten zu können, ist eine minimale Raumhöhe von sechs Metern nötig. Die ursprüngliche Raumhöhe betrug viereinhalb Meter. Um einen höheren Raum zu schaffen, wurde das Dach um 45 Zentimeter angehoben. Der Fußboden wurde einen Meter abgesenkt und mit einem besonders schweren Betonfundament versehen, damit ein Eindringen von Grundwasser verhindert wird. Weil der Parkettboden auf keinen Fall mit Feuchtigkeit in Berührung kommen darf, wurde in die Betonkonstruktion ein Röhrensystem eingebaut, wodurch vorbehandelte Luft zugeführt wird. Diese Luft wird durch besonders geräuscharme Ventilatoren wieder abgesaugt.

Das Theater verfügt über eine flexible Zuschauertribüne, die unterschiedlichen Anforderungen angepasst werden kann. An das ehemalige Fabrikgebäude wurden die Theaterbüros, ein Grand Café mit einer Terrasse und die Künstlergarderoben angebaut. Der Zugang zum Theater ist über eine Verbindung vom Zentrum Céramique aus möglich.

Theatergesellschaft Het Vervolg

"Het Vervolg" ist eine mittelgroße, professionelle niederländische Theatergesellschaft. Sie bietet Vorstellungen für ein breites Publikum an. Mit der Eröffnung des Derlon Theaters 1999 bezog auch die Theatergesellschaft "Het Vervolg" ihr eigenes Theater. In der seit 1977 erfolgreichen Theatergesellschaft arbeiten in 2006/2007 zwanzig Schauspieler, vier Regisseure, sieben Theatertechniker, Mitarbeiter für Bühnenbild- und Kostümentwurf, Marketing, Büro und Kasse daran, bis zu vier verschiedene Theaterstücke im Jahr zu realisieren. Das Stammteam wird momentan von acht Freiwilligen und elf Praktikanten unterstützt.



Szene aus Abigails Party Foto: Leo van Velzen/Derlon Theater

"Het Vervolg" hat ihren ganz eigenen schauspielerischen Stil entwickelt und inszeniert besondere Bearbeitungen von Theaterklassikern, niederländischen Romanen und Filmen. Diese Theaterstücke werden zuerst fünf Wochen im eigenen Derlon Theater aufgeführt. Danach geht das Ensemble mit seinen Theaterstücken in den Niederlanden und Belgien auf Tournee. Bis vor kurzem stand Abigails Party von Filmemacher Mike Leigh auf dem Spielplan. Ab dem 9. Januar 2007 bis zum 10. Februar 2007 wird Interiors (Innenleben) von Woody Allen aufgeführt. Übersetzung (niederl.) und Regie: Annelore Kodde. Premiere: 13. Januar 2007. Ab 27. März 2007 wird eine Inszenierung von Imago, ein Theaterstück des deutschen Drehbuchautors, Regisseurs und Schauspielers Ulrich Hub, gezeigt. Regie und Übersetzung (niederl.): Léon van der Sanden. Schauspieler: Romijn Conen en Bien de Moor. Premiere: 31. März 2007.

In jeder Saison bietet die Theatergesellschaft "Het Vervolg" Studenten von der Toneelacademie Maastricht Praktikumsplätze an, um Erfahrungen im praktischen Theaterbetrieb zu sammeln.

Links zum Beitrag:
Homepage von Het Vervolg
Architekt Jo Coenen
Maastricht im Internet
Toneelacademie Maastricht
Von der Keramikfabrik zum neuen Stadtteil
NZZ Artikel über das Stadtviertel Céramique
Architekt Mario Botta
Architekten Martorell, Bohigas, Mackay
ArchitektenCruz & Ortiz
Architekt Luigi Snozzi bei Wikipedia
Architekt Aldo Rossi bei Wikipedia